Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir in einer ziemlich anstrengenden Zeit leben – ups, jetzt höre ich mich schon an wie meine eigene Oma, die regelmäßig verkündete, früher sei alles besser gewesen. Aber mal ehrlich: Wir sollen doch immer alle alles möglichst perfekt machen, müssen ständig Höchstleistungen vollbringen, sollen dabei auch noch rasend schnell sein und kriegen dafür aber nur sehr selten Lob und Ermutigung. Also ich finde das anstrengend. Dabei bringt doch niemand absichtlich schlechte Leistungen und kein Mensch macht bewusst Fehler. Wir alle wollen gut sein und die Dinge richtig machen. Wir alle streben nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Stimmt`s?

Blöderweise haben wir alle – gerade WEIL wir unbedingt anerkannt werden und dazugehören wollen – eine Riesenangst vor Fehlern. Denn einen Fehler zu machen oder womöglich sogar einen Fehler zu HABEN, stellt in unseren Köpfen eine Mega-Katastrophe dar. Perfektionismus ist eine Volkskrankheit geworden, die immer häufiger schon Erstklässler befällt. Fehlertoleranz? Fehlanzeige! Da fällt mir nochmal meine Oma ein, die immer sagte: „Aus Fehlern wird man klug“. Komischerweise habe ich damals aber immer nur das Wort FEHLER gehört und nie das Wort KLUG. Wieso eigentlich? Genau genommen ist das doch eine sehr verheißungsvolle Aussage – zumindest im Umkehrschluss: Um klug zu werden, muss ich also viele Fehler machen. Prima, super, megatoll! Nur leider sah und sieht meine – unser aller – Umgebung das anders. Ja, lernen sollen wir: viel, schnell, lautlos, angepasst, in der Schule alle dasselbe, obwohl jeder was anderes braucht. Hm.

In dieser Beziehung haben uns die Amerikaner etwas voraus. Dort gilt in vielen Feldern das Motto: Fail faster! Das bedeutet nichts anderes, als dass man möglichst schnell möglichst viele Fehler machen und daraus möglichst schnell möglichst viel lernen soll. Macht im Sinne von schnellerem Fortschritt durch gemachte Erfahrungen doch auch tatsächlich Sinn. Wie könnte man je wirklich lernen, ohne zu ERFAHREN? Dass eins und eins zwei ist, kapiere ich doch auch erst wirklich, wenn ich einen Apfel zum anderen Apfel lege und dann – Hurra! – zwei Äpfel habe. Be-griffen? Schade nur, dass in den meisten Umfeldern, ob am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Uni, im Straßenverkehr, ja selbst im Sportverein und im Hinblick auf Mode und Geschmack, eine unentspannte, kritische, bisweilen intolerante Atmosphäre im Umgang mit „Abweichungen von der Norm“, „kreativen Methoden“ und „eigenen Vorstellungen“ herrscht.

Ich persönlich halte ja sehr viel von Erfahrungslernen, denn ich habe die wichtigsten Dinge in meinem Leben durch – zugegeben meist schmerzliche – Erfahrungen gelernt. Aber dann saß es auch. Und so habe ich mir im Laufe meiner Jahre durch wiederholtes Hinfallen ein ziemliches Erfahrungspaket geschnürt, das mir heute sehr nützlich ist. Denn ich habe vor allem gelernt, mich bei jedem „Fehler“ zu fragen, WAS GENAU ich daraus lernen will. Es gibt nämlich immer ein NEGATIV zu Lernendes und ein POSITIV zu Lernendes. Wenn ich also schnell laufe und hinfalle, kann ich entweder lernen, zukünftig nicht mehr schnell zu laufen oder ich kann lernen auf den Weg zu achten und meine Konzentration zu erhöhen. Das eine Lernen ist begrenzend, das andere Lernen ist erweiternd. Und womit wird man wohl glücklicher, zufriedener, wirklich klüger? Eben.

Dementsprechend rege ich auch meine Klienten und Trainingsteilnehmer immer wieder an, aktiv in Lernschleifen einzusteigen. Im Klartext heißt das: Neues wagen, sich ausprobieren, Veränderungen anstreben, offen sein. Und dann das Richtige aus den gemachten Erfahrungen lernen. Und nicht denken, man würde Fehler machen. Sondern stattdessen wissen, dass man Erfahrungen sammelt, die einem nützlich sein werden.

Um also auf meine in der Überschrift gestellte Frage zurückzukommen: Was fehlt dem Fehler eigentlich? Na, dämmert´s? Dem Fehler fehlt genau genommen gar nichts. Der Fehler ist lediglich eine Lernchance, dem womöglich noch der Lernende fehlt. Als vor über hundert Jahren Thomas Alvar Edison dabei war, die Glühbirne zu erfinden, hat er mehrere tausend Tests mit unterschiedlichsten Materialien unternommen. Als ihn ein Journalist fragte, wie er denn mit diesen vielen „Fehl-Versuchen“ umgehe und ob ihn das nicht furchtbar frustriere, sagte der Forscher nur lächelnd. „Wieso Fehlversuche? Ich habe wahnsinnig viel über Materialien gelernt, mit denen man KEIN Licht erzeugen kann.“ So gesehen…

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