So wie unser Körper über Immunkräfte verfügt, hat auch unsere Psyche eine Abwehrfunktion. Sie wird früh geprägt, ist aber auch später noch erlernbar.

Pippi Langstrumpf meistert jede noch so schwierige Situation – weil sie kreativ ist, an sich selbst glaubt und Freunde an ihrer Seite hat, die ihr helfen. Und Harry Potter bewältigt die frühe Verlusterfahrung und widrigen Lebensumstände seiner Kindheit und Jugend dank spezieller Talente auf „zauberhafte“ Weise. Auch Aschenputtel verzweifelt nicht an ihrem tristen Leben, weil sie fest daran glaubt, dass die tote Mutter ihre schützende Hand über sie hält. In der Sprache der Psychologie würde man sie alle wohl als ‘resiliente‘‘ Kinder bezeichnen.

Auch jenseits der Märchen und Fantasy-Geschichten erleben wir immer wieder Fälle, in denen Menschen selbst schwerste Schicksalschläge nach angemessener Trauer und Bewältigungsphase gut überwinden, ja mitunter sogar gestärkt aus ihnen hervorgehen. Auch sie sind ‚resilient‘. Doch was unterscheidet resiliente Menschen von anderen? Haben sie in Drachenblut gebadet? Was befähigt sie, selbst heftigsten Stürmen standzuhalten?

Fangen wir vorne – also bei der Beschreibung dessen, was Resilienz ist. Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit von Menschen, widrige Lebensumstände, Schicksalsschläge und Notsituationen unbeschadet zu überstehen.

Wikipedia beschreibt Resilienz wie folgt: „Resilienz (v. lat. resilire ‚zurückspringen‘ ‚abprallen‘, deutsch etwa Widerstandsfähigkeit) ist die Fähigkeit, Krisen durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Mit dem Konstrukt Resilienz verwandt sind Salutogenese, Hardiness, Coping und Autopoiesis. Diese Konzepte gehen in Krisensituationen von alternativen Sichtweisen aus.“

Gedeihen trotz widriger Umstände

Während manche Menschen an ihren Problemen zerbrechen, meistern ‚‘resiliente‘ Menschen ihre Krisen also konstruktiv, sie lernen aus ihren Erfahrungen und fühlen sich nach der überstandenen Notsituation unter Umständen sogar stärker als zuvor. Doch unter welchen Bedingungen entwickeln Menschen eine solche seelische Widerstandskraft? Was brauchen beispielsweise Kinder, die unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen, um sich trotz allem gut zu entwickeln und zu resilienten Erwachsenen zu werden?

Die Forschung hat gezeigt: Resiliente Menschen haben in ihrer Entwicklung gelernt, dass sie ihr Leben aktiv gestalten können. Sie nehmen die Dinge selbst in die Hand und sind überzeugt, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirkt. Sie haben die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu
kommunizieren, Probleme zu lösen und dabei auch Hilfe zu erbitten und anzunehmen. Als Schutzfaktor wirkt dabei, wenn die Personen in ihrer Kindheit eine enge, positive und emotional stabile Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Bezugsperson hatten. Für die Diplom-Pädagogin Corina Wustmann vom Marie Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich sind dabei „3 V´s“ besonders wichtig: Die Bezugspersonen müssen für die Kinder vertrauenswürdig, verlässlich und verfügbar sein. Auch das soziale Umfeld spielt ein wichtige Rolle: Starke Kinder haben Freunde, erfahren Akzeptanz in einer Peer-Group und machen positive Erfahrungen – im Kindergarten, in der Schule und in der Ausbildung.

Stehauf-Menschen haben besondere Qualitäten

Das Beste aus einer schwierigen Situation machen, sich nicht unterkriegen lassen, einen Sinn in einer Tätigkeit finden – auch das sind Merkmale innerer Stärke. Am stärksten versinnbildlicht diese Fähigkeit wohl das Stehaufmännchen, das – fest auf einer starken Mitte ruhend – immer wieder in die Balance zurückfindet, egal wie hart es getroffen wird. Als solche starke Mitte erweist sich bei vielen resilienten Menschen der Glaube bzw. eine spirituelle Ausrichtung, die sie die Nackenschläge des Lebens besser wegstecken lässt als eher nüchterne Zeitgenossen. Das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, tröstet und stützt ebenso wie das Engagement für andere und positive Beziehungen zu anderen Menschen.

Doch auch eine genetische Disposition wird in neueren Forschungsergebnissen häufiger betont. Dennoch sind sich alle Wissenschaftler einig, dass wie bei allen Charaktermerkmalen genetische Faktoren und Umwelteinflüsse aufeinander einwirken. Sicher ist auch: Resilienz ist keine feste Größe. Sie kann im Laufe des Lebens schwanken. Stress zehrt an der inneren Stärke, gezieltes Training kann sie hingegen fördern. Hier ist das Ermutigungstraining zweifellos ein wertvoller Beitrag.

In zahlreichen Versuchen zeigte sich immer wieder, dass jene Menschen, die mit den schwierigen Umständen aktiv und kreativ umgingen, über ein hohes Maß an Optimismus verfügen. Sie werten das Krisenereignis als vorübergehend und glaubten fest daran, ihr Schicksal in die Hand nehmen und ihre Lage bessern zu können.

Resilienz, so zeigt die Forschung, ist mehr als Anpassung an widrige Verhältnisse, ist mehr als pures Durchstehen und Überleben. Resilientes Verhalten zeigt ein Mensch nicht TROTZ widriger Umstände, sondern WEGEN dieser. Extreme Stresserfahrungen können Stärken in einem Menschen hervorrufen, die dieser bis dahin selbst nicht für möglich gehalten hätte. „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt“, schrieb einst Alber Camus. Wer also beispielsweise nach dem Tod eines geliebten Menschen übermäßige und dauerhafte Trauersymptome vermissen lässt, ist keineswegs gefühlskalt oder distanziert. Diese Menschen akzeptieren jedoch, dass das Leben endet, sie glauben an eine gerechte Welt und sie suchen (und finden) soziale Unterstützung.

In jedem Falle machen die Ergebnisse der Resilienzforschung Mut. Denn heute steht fest, dass die Widerstandskraft der Seele kein Glücks- oder Zufall ist. Manche Menschen sind nur insofern begünstigt, als sie ihre vorhandenen Kapazitäten aus eigener Kraft nutzen und ausschöpfen können. Andere benötigen dabei Unterstützung. Resilienz kann man lernen und das sollte möglichst früh beginnen. In einem amerikanischen Projekt beispielsweise werden Psychologen an Grundschulen geschickt, um den Kindern beizubringen, wie sie besser mit alltäglichen Stress-Situationen wie Schikanen, schlechte Noten oder Enttäuschungen umgehen können, aber auch vor schwerwiegenderen Problemen wie Vernachlässigung, Scheidung der Eltern oder Gewalterfahrungen nicht zu kapitulieren. Beigebracht werden den Kindern dabei die Kernpunkte der Resilienz:

• Suche dir einen Freund und sei anderen ein Freund;
• Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich;
• Glaube an dich selbst.

Auch in Deutschland sind solche Projekte vereinzelt zu finden. Und wer die Resilienzstärkung im Kindesalter versäumt hat, kann sie jederzeit nachholen. Hierzu gibt es ebenfalls ein paar Kerningredienzien:

1. Soziale Kontakte aufbauen: Gute Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden und anderen Menschen stärken das Selbstwertgefühl.
2. Krisen nicht als unüberwindliches Problem betrachten. Wer die Hoffnung bewahrt, dass die Zukunft Besseres bereithält, wird von der Gegenwart nicht erdrückt.
3. Realistische Ziele entwickeln. Die Zukunft nicht aus den Augen verlieren.
4. Die Opferrolle verlassen und aktiv werden. Bestandsaufnahme machen und Handlungsoptionen ausloten.
5. An die eigene Kompetenz glauben und durch die Krise wachsen.
6. Eine Langzeitperspektive einnehmen: Habe ich schon einmal schwierige Situationen gemeistert? Und: Wie werde ich in zehn Jahren über dieses Ereignis denken?
7. Für sich selbst sorgen. Auch Trauer zulassen.

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